{"id":1781,"date":"2013-08-22T20:45:02","date_gmt":"2013-08-22T18:45:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pfarregersthof.at\/komm\/?p=1781"},"modified":"2013-08-25T20:39:38","modified_gmt":"2013-08-25T18:39:38","slug":"gedanken-zu-den-sonntags-bibelstellen-18-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pfarregersthof.at\/komm\/2013\/08\/gedanken-zu-den-sonntags-bibelstellen-18-8\/","title":{"rendered":"Gedanken zu den Sonntags-Bibelstellen &#8211; 18.8."},"content":{"rendered":"<p>In diesem Sommer wurden Frauen und M\u00e4nner aus unserer Pfarrgemeinde von Pfarrer Norbert eingeladen, vor allem in den von unserem indischen Aushilfskaplan Suresh geleiteten Samstagabendmessen ihre Gedanken zur den Lesungen des Sonntags allen Gottesdienstbesuchern vorzutragen.<\/p>\n<p>Hier die Gedanken von Susanne Lehne <a href=\"http:\/\/www.erzabtei-beuron.de\/schott\/register\/jahreskreis\/schott_anz\/index.html?file=jk21%2FSonntagC.htm\" target=\"_blank\">Jer 38,4-6.8-10; Heb 12,1-4; Lk 12, 49-53<\/a> vom 18.8.:<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>War Jesus ein Zelot?<\/i><\/b><\/p>\n<p>Liebe Br\u00fcder and Schwestern im Herrn,<\/p>\n<p>Als ich mich vor 2 Monaten f\u00fcr diesen Predigt Termin gemeldet hatte, habe ich sofort die Bibelstellen nachgeschlagen und war dann ehrlich gesagt best\u00fcrzt, ausgerechnet diese, f\u00fcr meine Begriffe so schwierige Evangeliumsstelle erwischt zu haben. Den Sommer \u00fcber habe ich dann immer wieder die Texte gelesen und bin eigentlich nicht schlauer geworden. Sonntag f\u00fcr Sonntag habe ich mir beim H\u00f6ren des jeweiligen Evangeliums gedacht, dazu w\u00e4re mir sicher mehr eingefallen. Aber ich war immer ein Verfechter des Lektionars and der n\u00f6tigen Disziplin, die es erfordert, sich eben gerade mit den jeweiligen Bibelstellen auseinanderzusetzen, die so viele andere Christen weltweit auch an diesem Sonntag in der Verk\u00fcndigung h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Heute begegnet uns ein sehr verst\u00f6rter Jesus, ein getriebener, ja geradezu fanatischer, der die bevorstehende Konfrontation mit den j\u00fcdischen und r\u00f6mischen Machthabern scheinbar nicht erwarten kann: <b><i>\u201eIch bin gekommen um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh w\u00e4re ich, es w\u00fcrde schon brennen!\u201c<\/i><\/b>\u00a0 Manche Interpreten meinen, dass Jesus mit diesem \u201aFeuer\u2018 hier das Gericht im Blick hat, eine Zeit der Entscheidung, eine Zeit der Unterscheidung der Geister, wo er \u2013 wie so oft in der Bibel \u2013 Feuer als Sinnbild f\u00fcr die L\u00e4uterung und Reinigung verwendet<b><i>. <\/i><\/b>Andere meinen, mit dem Bild des Feuers sei die Liebe gemeint, die Jesus einfordert, eine Liebe, die wirklich lodern und brennen soll, die sich bis zum \u00c4ussersten einsetzt.<\/p>\n<p><b><i>\u201cIch muss mit einer Taufe getauft werden und ich bin sehr bedr\u00fcckt, solange sie noch nicht vollzogen ist.\u201c <\/i><\/b>Diese Taufe von der Jesus hier spricht, scheint<b><i> <\/i><\/b>eine Anspielung auf seine Passion zu sein, die er scheinbar mit Ungeduld erwartet. (Wir erinnern uns hier an die Stelle, wo Jesus die S\u00f6hne des Zebed\u00e4us fragt, ob sie imstande sind, den Kelch zu trinken, den er trinken muss). Er weiss offenbar, dass sein Leiden unausweichlich auf ihn zukommt und \u2013 f\u00fcr uns vielleicht unerkl\u00e4rlich, aber dann auch wieder verst\u00e4ndlich, will er es m\u00f6glichst rasch hinter sich bringen. Hier scheint mir gerade seine Menschlichkeit sehr deutlich hervorzutreten und ich glaube, wir d\u00fcrfen seine provokanten \u00c4usserungen als Folge dieser sehr menschlichen Gef\u00fchle der Bedr\u00e4ngnis und Todesahnung \u00a0begreifen.<\/p>\n<p><b><i>\u201eMeint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.\u201c<\/i><\/b><\/p>\n<p>Wie sollen wir dies verstehen? Es ist uns nahezu selbstverst\u00e4ndlich zu postulieren, dass Jesus gekommen sei, um Frieden zu bringen. So viele seiner Worte und Taten scheinen doch auf Frieden und Heil und Vers\u00f6hnung\u00a0 als Ziel seiner Botschaft und seines Handelns hinzudeuten. Und besonders irritierend scheint uns dann die Passage \u00fcber die Spaltung in den Familien. Ich vermute, dass ich nicht die einzige unter uns bin, der es hier den Magen umdreht.<\/p>\n<p>Wie sollen diese Aussagen f\u00fcr uns \u201eEvangelium\u201c &#8211; \u201afrohe Botschaft\u2018 sein? Wo finde ich hier etwas, was mir auf meinem Weg der Nachfolge helfen kann?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mit diesen Fragen in den letzten Wochen gerungen habe, ist mir durch die Medien etwas untergekommen, was es mir wert scheint, hier kurz zu skizzieren.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte n\u00e4mlich unsere heutige Stelle und einige andere in den Evangelien so interpretieren, dass Jesus in Wahrheit ein Zelot war \u2013 n\u00e4mlich einer, der seine j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger zur Revolte gegen die r\u00f6mische Fremdherrschaft aufstacheln wollte und das Joch der R\u00f6mer abwerfen und einen j\u00fcdischen Gottesstaat errichten wollte. Diese Position kursiert seit gut 200 Jahren immer wieder durch die Literatur, angefangen von einem deutschen Forscher namens Reimarus bis zu dem heutigen amerikanischen Bestseller-Autor Reza Aslan, der urspr\u00fcnglich aus dem Iran stammt und j\u00fcngst ein Buch publiziert hat mit dem Titel <b><i>\u201eZealot \u2013 The Life and Times of Jesus of Nazareth<\/i><\/b>\u201c. Mit seinen Eltern aus dem Iran in die USA geflohen, war Reza Aslan dann in seiner Jugend fundamentalistischer, evangelikaler Christ, hat sich dann aber durch sein Theologie- und Bibelstudium vom Christentum abgewandt und bekennt sich heute zum Islam. Er ist Religionswissenschaftler und mit einer Christin verheiratet.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der damaligen Zeit im ersten Jahrhundert und den politischen und religi\u00f6sen Str\u00f6mungen, kommt Aslan zum Schluss, dass Jesus ein Zelot war. Ausgehend von der These dass die Hinrichtung durch Kreuzigung nur Aufr\u00fchrern, politischen Rebellen, heute w\u00fcrden wir sagen \u201eTerroristen\u201c vorbehalten war, versucht der Autor \u2013 wie schon viele vor ihm \u2013 die Auferstehung Jesu als sp\u00e4tere Reinterpretation der Anh\u00e4nger Jesu zu deuten, die aufgrund ihrer Entt\u00e4uschung \u00fcber das Scheitern ihres Anf\u00fchrers einen Mythos erfunden h\u00e4tten, damit die Bewegung weiterleben k\u00f6nne. Alle \u00c4usserungen Jesu, die von der Notwendigkeit seines Leidens und Sterbens sprechen und die auf seine Auferstehung hindeuten, werden so sp\u00e4teren Schichten der Tradition zugeordnet und der Autor reduziert den f\u00fcr ihn authentischen Jesus auf einen politischen Eiferer, dessen K\u00f6nigreich ein irdisches, theokratisches Reich meint, welches die R\u00f6merherrschaft ersetzen sollte.<\/p>\n<p>Demnach h\u00e4tten die fr\u00fchen Christen Jesus sp\u00e4ter als Friedensbringer uminterpretiert, um sich mit den R\u00f6mern zu arrangieren.<\/p>\n<p>Ich gestehe, dass ich das Buch selbst nicht gelesen habe, aber ich habe viele Rezensionen gelesen. Ernstzunehmende Bibelforscher und Religionswissenschafter sagen, dass es gar nichts Neues enth\u00e4lt, sondern oft schon gebrauchte Argumente wiederholt, sich aber leicht und fl\u00fcssig liest wie ein spannender historischer Roman.<\/p>\n<p>Warum erz\u00e4hle ich Ihnen dies \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Das Verbl\u00fcffende an diesem an sich nicht so originellen Buch ist, dass es durch die heutige brisante Stimmung in den USA, vor dem Hintergrund des Misstrauens gegen\u00fcber Muslimen, durch ein Interview mit dem Autor auf Fox News, so sehr in das \u00f6ffentliche Interesse katapultiert wurde, dass das Buch jetzt auf <i>Amazon<\/i> und in der <i>New York Times<\/i> Bestsellerliste jeweils auf Platz 1 rangiert. \u00dcber eine Million Menschen haben inzwischen das Interview auf You-Tube gesehen, in dem es im Wesentlichen nur um die Frage geht, ob es \u00fcberhaupt legitim sei, als Muslim ein Buch \u00fcber Jesus zu schreiben \u2013 genau diese Legitimit\u00e4t versucht die Interviewerin durch fadenscheinige Behauptungen dem Autor abzuerkennen. Er bleibt dabei ganz ruhig und besteht auf seinen professionellen Voraussetzungen als akademischer Forscher.<\/p>\n<p>Die ganze Aufregung ist uns vielleicht unbegreiflich, aber es ist doch ein bemerkenswertes Ph\u00e4nomen, dass die einen offenbar Aslan unterstellen, aus Christus einen fanatischen Jihadi machen zu wollen und eine geheime Agenda mit diesem Buch zu verfolgen, w\u00e4hrend die anderen erleichtert sind, dass sich jemand traut, den historischen Wurzeln der Jesusgeschichte nachzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann ein Muslim ein Buch \u00fcber Jesus schreiben, genau wie Christen \u00fcber Mohammed oder Buddha oder sonst eine religi\u00f6se Pers\u00f6nlichkeit aus einer anderen Glaubenstradition schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr uns stellt sich die Frage, was wir als getaufte Christen f\u00fcr ein Jesusbild haben. Kann uns so ein Buch \u00fcber Jesus ersch\u00fcttern? Ist nicht gerade die Komplexit\u00e4t, die Mischung aus vielen Facetten im Charakter Jesu, wie er uns in den verschiedenen Schriften des NT begegnet, das Reizvolle, das sein Geheimnis ausmacht. Jesus begegnet uns als mild und g\u00fctig, ungeheuer mitf\u00fchlend and barmherzig, aber auch als zornig und eifernd, je geradezu fanatisch wie im heutigen Evangelium. Er reinterpretiert die Torah und verlangt radikalere Befolgung der Gebote, aber sagt dann dennoch er wolle kein Iota des Gesetzes abschaffen. So liessen sich noch viele Beispiele widerspr\u00fcchlicher Aussagen Jesu finden. Ohne Zweifel hat die Bibelforschung der letzten 200 Jahre zutage gebracht, dass es viele Schichten und Bearbeitungen der Jesustraditionen im NT gibt, aber das bedeutet ja nicht zwangsl\u00e4ufig, dass sp\u00e4tere Zus\u00e4tze illegtime Ver\u00e4nderungen in der zentralen Botschaft Jesu darstellen. In den Christengemeinden, die gem\u00e4ss dieser Botschaft gelebt und Eucharistie gefeiert haben, haben sich \u2013 unter dem Einfluss von Jesu Geist in ihrer Mitte &#8211; vertiefte Einsichten und Erkenntnisse im Laufe der Jahre herauskristallisiert, die zumindest f\u00fcr uns gl\u00e4ubige Christen eine Bereicherung der Kernaussagen darstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich glaube, 2000 Jahre haben gezeigt, dass weder wissenschaftliche Zug\u00e4nge noch Glaubenszug\u00e4nge die Pers\u00f6nlichkeit und Bedeutung Jesu ausloten k\u00f6nnen. Viele der \u00fcber Jesus geschriebenen B\u00fccher in der Leben-Jesu-Forschung scheinen letztendlich ein Bild zu zeichnen, bei dem der jeweilige Autor seine eigenen Sehns\u00fcchte in Jesus Christus hineinprojeziert, sich selbst also einen \u201eWunsch-Jesus\u201c zusammenzimmert.<\/p>\n<p>Die Elemente in der Schrift, die diesem Bild widersprechen werden dann als sp\u00e4tere Zus\u00e4tze abgetan. Zur\u00fcck bleiben meist sehr eindimensional Jesus-Figuren, von denen man sich fragen muss, wie sie je so eine erfolgreiche weltumspannende Bewegung inspirieren konnten. Denn Zeloten z. B. gab es ja bekanntlich zu Hauf im ersten Jahrhundert, warum soll dann gerade dieser Jesus Urheber des Christentums geworden sein, wenn er sich so gar nicht von den anderen unterschieden haben soll.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns kann dies als Warnung dienen, eine Evangeliumsstelle wie die heutige \u2013 die ja selbst aus verschiedenen Traditionsschichten zusammengesetzt ist und keine einheitliche Perikope bildet &#8211; aus dem Kontext zu reissen und zu verabsolutieren.<\/p>\n<p>Im engeren Sinn einer politschen Bewegung, war Jesus kein Zelot, aber er war durchdrungen von seinem Eifer f\u00fcr Gott und f\u00fcr sein Heilswerk. Wir tun uns schwer mit dem religi\u00f6sen Eifer, weil so viel Schindluder damit getrieben wurde und wird, weil Eifer rasch in Fanatismus und Intoleranz abgleiten kann. Aber ein gewisser \u201aEifer\u2018 , ein Ernst, wird uns im heutigen Evangelium abverlangt \u2013 wir werden aufgerufen, zur Entscheidung f\u00fcr die Botschaft Jesu, die oft radikal und manchmal auch verst\u00f6rend wirkt. Und wir m\u00fcssen uns fragen, ob wir auch dazu neigen, uns ein bequemes, f\u00fcr uns leicht fassbares Jesusbild zurechtzubiegen, bei dem wir vielleicht unangenehme, schockierende Facetten seiner Botschaft und seines Auftretens negieren.<\/p>\n<p>Anfeindungen und Leid und Verfolgung \u2013 wie wir vom Propheten Jeremia in der ersten Lesung geh\u00f6rt haben &#8211; begegnen heute Christen vielerorts und sie lesen sicher dieses Evangelium ganz anders als wir, die wir hier in Sicherheit leben und zumeist nichts f\u00fcr unseren Glauben riskieren m\u00fcssen. Vielleicht kann uns der Blick auf diese verfolgten Christen als Mahnung gegen Gleichg\u00fcltigkeit und Resignation dienen.<\/p>\n<p>Jeder und jede von uns ist aufgerufen, zu pr\u00fcfen, wo in unserem jeweiligen Weg der Nachfolge Jesu, eine verantwortungsvolle Stellungnahme und ein Eintreten f\u00fcr wahre N\u00e4chstenliebe, f\u00fcr Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t in unserem Umfeld von uns gefordert werden. Gerade die jetzt laufenden Slogans f\u00fcr die Wahlkampagne m\u00fcssten uns hier Einiges zu denken geben, wenn wir uns ehrlich fragen, wer unser N\u00e4chster ist, dem unsere Aufmerksamkeit und unsere Hilsbereitschaft gelten sollten.<\/p>\n<p>Die n\u00f6tige Kraft und den Mut dazu schenkt uns Jesus im gemeinsamen Mahl, das wir jetzt miteinander feiern werden &#8211; bei dem wir seinen Tod bekennen und seine Auferstehung preisen.<\/p>\n<p>Susanne Lehne<\/p>\n<p>Eine \u00dcbersicht der Nachlesen ist <a href=\"https:\/\/www.pfarregersthof.at\/komm\/2013\/08\/gedanken-zu-den-sonntags-bibelstellen-nachlese\/\">hier zu finden<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Sommer wurden Frauen und M\u00e4nner aus unserer Pfarrgemeinde von Pfarrer Norbert eingeladen, vor allem in den von unserem indischen Aushilfskaplan Suresh geleiteten Samstagabendmessen ihre Gedanken zur den Lesungen des Sonntags allen Gottesdienstbesuchern vorzutragen. 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