Gedanken zu den Sonntags-Bibelstellen – 14.7.

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In diesem Sommer wurden Frauen und Männer aus unserer Pfarrgemeinde von Pfarrer Norbert eingeladen, vor allem in den von unserem indischen Aushilfskaplan Suresh geleiteten Samstagabendmessen ihre Gedanken zur den Lesungen des Sonntags allen Gottesdienstbesuchern vorzutragen.

Hier die Gedanken von Stefan Donecker Lk 10, 25-37: Der barmherzige Samariter (14. Juli)

Liebe Gottesdienstgemeinde, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, einige Gedanken zum heutigen Evangelium mit Ihnen teilen zu dürfen! Vor allem, weil es so ein schöner Text ist – der barmherzige Samariter, dieses zeitlose Beispiel gelebter Nächstenliebe. Ein Gleichnis, das die meisten von uns wahrscheinlich schon seit dem Religionsunterricht in der Volksschule kennen, ein Gleichnis, das wir immer wieder gehört und gelesen haben und über das wir nachgedacht haben. Aber gerade bei so einem „Klassiker“ zahlt es sich, wie ich glaube, aus, ihn aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, zwischen den Zeilen zu lesen und zu sehen, ob uns ein wohl vertrauter Text etwas Neues sagen kann.

„Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab“. Das ist, eigentlich, ein ungewöhnlicher Beginn. Normalerweise hat Jesus in seinen Gleichnissen keine konkreten Ortsangaben gemacht. Wir wissen nicht, in welcher Stadt der arme Lazarus und der verschwenderische reiche Mann gelebt haben, und wir kennen auch nicht die Adresse des Verlorenen Sohnes. Aber diesmal beginnt Jesus sein Gleichnis mit einer ganz bestimmten Route: von Jerusalem nach Jericho. Da drängt sich schon die Frage auf, wieso Jesus, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, ausgerechnet bei diesem Gleichnis eine konkrete Route nennt. Wir liegen wohl nicht falsch wenn wir davon ausgehen, dass sich der Herr auch dabei etwas gedacht haben wird.

Jerusalem und Jericho… zwei Städte, 24km voneinander entfernt, ein gut zu bewältigender Tagesmarsch. Jerusalem, das ist einfach zu deuten. Der Gottesberg Zion, der Tempel mit dem Allerheiligsten, für Jesus und seine Zeitgenossen das spirituelle Zentrum ihrer Welt und ihres Lebens, ein Ort an dem man Gott nahe kommt. Wenn man in der Bibel hingegen nach Jericho sucht ergibt sich ein ganz anderes Bild: Josua, der Nachfolger des Mose hatte, so berichtet das Alte Testament, einen Fluch über die Stadt ausgesprochen (Jos 6, 26). Und als ein Mann namens Hiël  die Stadt später wiederaufbauen ließ, bewahrheitete sich der Fluch und kostete zwei seiner Söhne das Leben (1 Kön 16, 34). Vom gesegneten und geheiligten Jerusalem ins verfluchte Jericho…

Mit dieser Route, diesen beiden Städten, scheint Jesus seinen Zuhörerinnen und Zuhörern vor Augen führen zu wollen, dass der Mann im Gleichnis einen gefährlichen Weg beschreitet. Weg vom Angesicht Gottes, weg von Jerusalem, hin zu einem verfluchten Ort, einem Ort der Gottesferne. Und ihm ergeht es wie  vielen Menschen, die sich von Gott entfernen, von Gott nichts mehr wissen wollen: Überfallen, überfordert, niedergestreckt bleibt er liegen.

Nun präsentiert uns Jesus zwei religiöse Autoritäten, einen Priester und einen Leviten, die vorübergehen ohne zu helfen. Können sie nicht? Wollen sie nicht? Haben sie Angst? Wenn wir in unseres eigenes gesellschaftliches Umfeld blicken, wird uns die Szene vielleicht bekannt vorkommen: Ein Mensch hat sich von Gott entfremdet, ist von Sorgen, Sünden, Ängsten niedergedrückt und kommt nicht mehr auf die Beine. Und die organisierte Religion, die Kirche, vermag ihm nicht mehr aufzuhelfen. Vielleicht versteht der Mensch die Botschaft der Kirche nicht. Vielleicht  ist er so in unserer säkular-materialistischen Welt gefangen, dass er die Kirche kaum mehr wahrnimmt. Vielleicht stehen ihm die Fehler und Unzulänglichkeiten, die die Kirche als Gemeinschaft fehlbarer Menschen zweifellos hat, übergroß vor Augen. Vielleicht findet die Kirche nicht mehr den richtigen Weg ins Herz dieses einen Menschen. Er liegt am Boden, und Priester und Levit müssen weitergehen, weil sie nicht helfen können.

Aber Kirche ist nicht nur Organisation, Kirche ist jeder und jede einzelne von uns. Einem solchen Menschen beizustehen, ihn oder sie wiederaufzurichten, kann eine große Aufgabe sein. Ein barmherziger Samariter oder eine Samariterin, eine vom Heiligen Geist erfüllte Christin oder Christ, kann in so einer Situation Wunder vollbringen. Kann auf den gestrauchelten, von Gott entfremdeten Menschen zugehen, sie können gemeinsam individuelle Wege finden , die auf die Sorgen und Nöte dieses einen Menschen maßgeschneidert sind. Ungewöhnliche, unkonventionelle, ganz persönliche Wege, die einen Menschen, der mit Gott und mit der Kirche gar nichts mehr zu tun haben will, sanft und behutsam wiederaufrichten und in die wunderbare Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen zurückführen.

Wir können dem Beispiel des barmherzigen Samariters auf viele verschiedene Weisen folgen. Die materielle Not unserer Mitmenschen zu lindern, kranken, alten und schwachen Menschen beizustehen, all das sind großartige Wege, die Nachfolge Jesu zu leben. Aber ich glaube dass gerade auch die Menschen, die von Jerusalem nach Jericho gehen, die sich von Gott entfernen und nicht mehr weiter wissen, Menschen sind, die ganz besonders der Hilfe eines Samariters oder einer Samariterin bedürfen. Auch wenn man es ihnen nicht ansieht, weil sie vielleicht ohnehin jung, gesund und wohlhabend sind – aber innerlich leer und seelisch ausgebrannt. Einem solchen Menschen beizustehen ist eine große und verdienstvolle Aufgabe für jeden von uns.

Und wir können uns sicher sein, dass wir bei dieser Aufgabe nicht allein sind. Wenn wir im Neuen Testament nach weiteren Stellen suchen, an denen das verfluchte Jericho erwähnt wird, erweist sich das Evangelium – wie so oft – als wahrhaft frohe Botschaft. Zweimal kommt Jesus nach Jericho, und beide Male vollbringt er dort Großes und Wunderbares. In Jericho öffnet er dem blinden Bartimäus die Augen (Mk 10, 46–52) , und in Jericho öffnet er dem habgierigen Zachäus das Herz (Lk 19, 1–10). Wenn wir uns also nach Jericho begeben, um Menschen in Gottesferne als Samariterinnen und Samariter beizustehen, können wir uns sicher sein, dass Jesus bei uns ist und uns hilft, Augen und Herzen zu öffnen.

Stefan Donecker
14. Juli 2013

Eine Übersicht der Nachlesen ist hier zu finden.

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