Gedanken zu den Sonntags-Bibelstellen – 28.7.

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In diesem Sommer wurden Frauen und Männer aus unserer Pfarrgemeinde von Pfarrer Norbert eingeladen, vor allem in den von unserem indischen Aushilfskaplan Suresh geleiteten Samstagabendmessen ihre Gedanken zur den Lesungen des Sonntags allen Gottesdienstbesuchern vorzutragen.

Hier die Gedanken von Peter Soustal zu Lk 11, 1-3 vom 27./28.7.2013:

Im Mittelpunkt des heutigen Evangeliums steht das Gebet des Herren. Dem Vaterunser folgt das Beispiel von dem letztlich mit Erfolg zur Unzeit um Brot für seinen Gast bittenden Nachbar. Dabei geht es wie in den folgenden Sätzen letztlich um die Gewissheit, dass Gott die Bittenden erhört. Nun ein paar Gedanken zu diesem Gebet und dazu wie es aus der Perspektive unserer älteren Glaubensbrüder und Schwestern gesehen werden kann. Ich darf etwas weiter ausholen.

Vor wenigen Tagen, am 20. Juni jährte sich zum 100sten Mal der Geburtstag von Schalom Ben-Chorin, der in München als Fritz Rosenthal zur Welt gekommen und am 7. Mai 1999 in Jerusalem verstorben ist. Wenn ich nun auf Schalom Ben-Chorin zu sprechen komme, ist das nicht deshalb weil diese Persönlichkeit in dieser Woche Thema der Gedanken zum Tag in Ö1 war; davon habe ich erst später erfahren.

Ben-Chorin stammte aus einer gebildeten assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie, studierte Germanistik und vergleichende Religionswissenschaften an der Universität München. Nach mehreren Verhaftungen durch die Gestapo emigrierte er 1935 nach Palästina. Von da war er Journalist, bis er 1970 bis 1987 als Dozent und Gastprofessor in Jerusalem, Tübingen und München wirkte. 1961 war Ben-Chorin Mitgründer der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Als Dichter und Denker war Ben-Chorin Vorkämpfer für ein besseres Verhältnis zwischen Juden und Christen, zwischen Israelis und Deutschen, ein Brückenbauer zwischen den beiden Religionen. Durch seine profunde Kenntnis des jüdischen religiösen Schrifttums und der jüdischen Gepflogenheiten hatte Schalom Ben-Chorin auch einen besonderen Zugang zum Christentum.

Ich beziehe mich heute auf sein 1977 erschienenes Buch mit dem Titel „Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht“, das mich schon vor Jahrzehnten tief beeindruckt hat. Darin findet sich das Kapitel „Lehre uns beten“ zu Lukas 11, 1–4, das wir soeben gehört haben. Ich bin überzeugt, dass es dem Verständnis der christlichen Botschaft förderlich ist, wenn wir versuchen, Christi Worte und Taten auch aus ihrem jüdischen Umfeld zu begreifen.

Die Bitte eines Jüngers: „Herr lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte“ ist nicht so zu verstehen, dass die Jünger Jesu vorher keine Gebete kannten, vielmehr war es üblich, dass die einzelnen Meister ihren Jüngern zusätzlich zum üblichen gemeinsamen Gebet sozusagen private, persönliche Gebete empfohlen haben. Für Jesus war Gebet nicht eine Pflicht oder gute Tat, sondern Zwiesprache mit seinem Vater im Himmel, für ihn auf Aramäisch mit seinem abba. Der oder die Betende ruft als Kind Gottes   den Vater an.

Wie im allgemeinen so auch im Vaterunser bewegt sich Jesus auf dem Boden der jüdischen Tradition seiner Zeit. Und Ben-Chorin meint: .Die Eigenart des Vaterunsers gegenüber jüdischen Gebeten besteht nicht darin, dass seine Formulierung und sein Inhalt besonders originell wären. Im Gegenteil, alle Bitten haben ihre Parallelen in jüdischen Gebeten“. Ja sie haben nicht nur ihre Parallelen in jüdischen Gebeten; das Gebet, das Jesus seine Jünger lehrt, ist ein jüdisches Gebet vom ersten bis zum letzten Wort.

Die Anrede „Unser Vater im Himmel“ ist nicht etwa eine christliche Vorstellung, sondern eine genuin jüdische.

Die Formel „Dein Name werde geheiligt“ entspricht dem Kaddisch-Gebet in der Synagoge. Dabei scheint Jesus eine schlichte Formulierung bevorzugt zu haben gegenüber der barocken Überladenheit, wie sie im Kaddisch verbreitet war.

Die Bitte um das Reich Gottes entspricht der eschatologischen Naherwartung Jesu, die er nicht nur von Johannes dem Täufer übernommen hat, sondern sie spiegelt ein Grundgefühl der damaligen spannungsreichen Zeit. – Das Reich der Himmel komme auf diese Erde, und dann geschehe auf ihr der Wille Gottes, wie er bereits jetzt in den Himmeln geschieht. Der Wille Gottes – das ist der Friede und so schließt das Kaddisch: „Der Friede schafft in seinen Höhen, der schaffe Frieden uns und ganz Israel; und darauf sprechet: Amen“.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“. Das Hebräische sollte mit „das uns für jeden Tag oder für den kommenden Tag zukommende Brot“ übersetzt werden. Es soll also nicht mehr als das nötige, keine Anhäufung materieller Wert erbeten werden. Wer um nicht mehr bittet als um das Brot für morgen, vertraut sich der Fürsorge Gottes an.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“, das findet sich – so führt Ben-Chorin weiter aus – im Talmud („Belehrung“). Dabei ist Schuld im Sinn von Sünde gemeint.

„Und führe uns nicht in Versuchung“ kommt fast wörtlich genau im täglichen Morgengebet der Synagoge vor. Mit diesen Worten tun sich viele Christen schwer, wie kann man es einem gütigen Gott zutrauen will, dass er die Menschen Versuchungen aussetzt, ihnen gleichsam Fallen stellt. Es ist eine Bitte um Bewahrung vor Versuchung, der wohl jeder Mensch manchmal ausgesetzt ist. Kann der Satz als „Führe uns in der Versuchung“ gedeutet werden?

Bei Matthäus 6, 9–13 sind zusätzlich zu dem Text des Lukas noch die Worte „rette oder erlöse uns von dem Bösen“ angeschlossen“. Gemeint ist das Böse und nicht der Satan.

Überdies ist anzunehmen, dass das Vaterunser nicht als eine abgeschlossene, starre Liturgie aufzufassen war, sondern ein Modell dafür sein sollte, wie man in der Schlichtheit des Herzens beten soll, und dass durchaus Sätze angehängt oder abgewandelt werden konnten, also das Vaterunser mehr als Gebetsbeispiel denn als starre Gebetsformel.

Das Kapitel „Lehre uns beten“ schließt bei Ben-Chorin etwa folgendermaßen: In seiner Schlichtheit  und Geschlossenheit aber ist das Vater unser tatsächlich ein Höhepunkt. Es ist zeitlos, obwohl es ganz den Geist seiner Zeit atmet. Aus der Naherwartung des Reiches Gottes freilich wurde die Fernerwartung, aber der Glaube wird immer in der Erwartung leben, in der Erwartung des Unbekannten, eben des Reiches Gottes.  Das Reich Gottes ist einerseits das Fernste, für den wahrhaftig Betenden zugleich das Nächste. Das Reich ist in der betenden Gemeinde schon vorweggenommen. So heißt es doch bei Lukas (17, 21): „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“.

Peter Soustal

Eine Übersicht der Nachlesen ist hier zu finden.

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