Nachlese: Predigt der Ostervesper

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Seit vielen Jahren laden wir zu dieser Wort-Gottes-Feier ChristInnen aller Konfessionen herzlich ein. Die Auslegung der biblischen Texte übernimmt jeweils ein/eine Amtsträger/in aus einer Schwesternkirche, heuer, am Ostersonntag 27.4., war es Pfarrerin Mag. Andrea Petritsch, amtsführende evangelische Pfarrerin der Weinbergkirche, Wien 19.

Da viele an diesem Sonntag, dieser Predigt gerne zugehört haben, ist der Wortlaut hier nachzulesen:

Predigt: Johannes 20, 11-18

Liebe Gemeinde!

Eigentlich sollten wir leise und vorsichtig wieder gehen. Fort von dieser Szene, fort von dieser verzweifelten Trauer – wir würden die Frau nur stören, außerdem könnten wir sie gar nicht erreichen. Höchstens vorsichtig in den Arm nehmen, aber welches Wort könnte den Schmerz linden, was sollte ihr Trost geben? Außer eines: Sie möchte wieder haben, was sie verloren hat.  Und das ist viel und das ist unmöglich.

Jesus hat sie geheilt. Und sie ist ihm nachgefolgt wie ihre männlichen Kollegen, ja sie hat die ganze Bewegung mit ihrem Geld unterstützt. Er war etwas Besonderes für sie und sie für ihn wohl auch. Denn immer, wenn von den Frauen, den Jüngerinnen, die Rede ist, dann wird Maria Magdalena an erster Stelle genannt. Sogar noch unter dem Kreuz hat sie ausgeharrt, erzählt Johannes. Jetzt ist sie am Ende ihrer Kraft.

Wir sollten uns fort stehlen, bevor wir unangenehm auffallen. Wir sollten uns vorsichtig und leise von dieser im Weiteren so ganz persönlichen und intimen Begegnung davon stehlen. Es geht nicht um uns. Es geht um sie, Maria, beziehungsweise um die Beiden. Maria wird gerufen. Ihr Leben wendet sich.

Aber wir, was machen wir?

Wenn Johannes mit dieser Szene wirklich nur die persönlich intensive Begegnung einer Maria Magdalena mit Jesus, dem gerade Auferstandenen erzählen würde. Wenn Johannes nur erzählen würde, wie Maria damals ihre Trauer durch diese Begegnung überwinden konnte und zur begeisterten Apostola apostolorum, also der Verkünderin der Apostel, geworden ist, also dann könnten wir uns wohl wirklich davon stehlen, und das weitere Hören und Lesen sein lassen. Denn das ginge uns heute wirklich nicht mehr viel an. Aber wie immer in seinem Evangelium erzählt Johannes weit mehr als Geschichten. Er erzählt solche, das wohl, aber eben nicht nur. Brüche deuten an, dass da noch viel mehr drinnen steckt. Da gibt es nicht nur eine Ebene des möglichen Verstehens, da gibt es viele Schichten.

Als erstes spielt die Geschichte in einem Garten. Johannes ist der einzige der Evangelisten, der diesen Garten erwähnt. „Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. Dahin legten sie Jesus.“ – so heißt es im Kapitel davor. Dieser Garten ist nicht identisch oder gleichbedeutend mit dem Garten Gethsemane. Denn wenn vom Garten Gethsemane die Rede ist, wird ein anderes griechisches Wort benutzt, das eigentlich mit Landgut wiedergegeben werden müsste. Aber hier heißt es wirklich Garten. Auferstehung findet also in einem Garten statt, natürlich ist dies gleichzeitig der Garten der Grablegung. Aber Tod und Grab haben eben nicht das letzte Wort. Der Garten des Lebens ist stärker. Denn es ist der von Gott geschenkte Garten des Lebens und damit auch der von Gott geschenkte Garten des Paradieses, in dem es keinen Tod und keine Schuld geben soll. Erinnern Sie sich an die Paradiesgeschichte? So ist es von Gott gedacht. Wir haben diesen Garten seit Schöpfungstagen verloren. Aber mit Jesus, so sagt Johannes, mit Jesu Tod und Auferstehung haben wir wieder Zugang zu diesem Garten. Wir sind wieder in diesem Garten. Und Jesus ist der Gärtner, wer sollte er auch anders sein.

Und die beiden Engel in ihren typisch weißen Gewändern, sie spielen keine wirkliche Rolle in diesem Garten. Nicht einmal das, was sonst und in den anderen Auferstehungsgeschichten ihre vordringliche Aufgabe ist, – nämlich die Auferstungsbotschaft weiterzugeben – erfüllen sie hier in dieser Geschichte. Sie haben keine Botschaft parat. Aber ihre Gegenwart  weist auf  die Gegenwart Gottes hin. Was hier in diesem Garten geschieht, das hat mit Gott zu tun und ist durch Gottes Gegenwart möglich.

So betreten wir nun mit Maria von Magdala den Garten des Lebens. Aber wie bei ihr ist auch unser Blick oft genug von Tränen verschleiert. Wir sehen nicht Blühen, nicht Leben, nicht Lebendigkeit, wir spüren nicht Gottes Gegenwart, wir sehen nur Leid und Tod, Terror. Wir erleben Verluste und Enttäuschungen. Unsere Gräber sind zahlreich und bestimmt verschlossen. Dass bei Maria das Grab offen ist, spielt erst einmal auch in Marias Verzweiflung keine Rolle. Ein offenes, leeres Grab hat bei ihrer Trauer keine Bedeutung. Es ändert nichts. Sie sieht nur Leere, Leere, Leere, wie wir ja auch in solchen Situationen.

Gibt es denn mehr? Gibt es anderes als dieses harte, mühselige, vergängliche Leben? Wie gerne würden wir die Momente des Glücks festhalten oder wie gerne würden wir bewahren und auch zurückholen, was uns einmal teuer und lieb gewesen ist. Wie Maria sind wir fixiert auf das, was so vordergründig vor Augen scheint. Leid, Tod, Vergänglichkeit. Und wie Maria können auch wir uns nicht selbst Trost geben, wir können uns so schwer selbst sagen: „Lass doch das Weinen. Es gibt mehr als Tränen und Tod. Das Grab ist nicht das Letzte und vor allem nicht alles.“ Ich denke, Ihnen gelingt dies genauso wenig wie mir.

Maria wird angesprochen und auch wir brauchen da einander. Wie sie brauchen wir das behutsam angesprochen werden, denn erst dann kann herausbrechen, das was so verzweifelt sein lässt. Und dann und dadurch wendet sich Leben. Ja, Maria kann sich wenden, sie kann sich abwenden. Zum ersten Mal, weg vom Grab, weg vom Tod. Sie kann den ersten Schritt tun, weg von dem, was war. Sie wendet sich also um, und damit wendet sie sich wieder dem Leben zu, dem Garten, der Mitte. Aber so schnell geht es nicht, noch ist sie nicht frei, noch will sie festhalten und bewahren, sie will für sich retten, was ihr das Wichtigste gewesen ist. Wir können sie da wohl gut verstehen.

Aber sie wird wieder und noch einmal angesprochen und schließlich auch mit Namen gerufen. „Maria!“ – Leider geben ja schwarze Buchstaben auf weißem Papier nicht wieder, was da so alles bei diesem Namen rufen mitschwingt. –

Liebe, Wertschätzung, Zärtlichkeit, Sorge, Wohlwollen, aufbauender Zuspruch, Trost! Und was noch alles?

Denken Sie daran, wie Sie angesprochen, gerufen werden von denen, die Sie lieben und wertschätzen.

So sind wir grundsätzlich angesprochen. Jeder einzelne, jede einzelne. Auch wenn unser Universum unendlich groß ist und es absolut unmöglich erscheint, dass einzelnen so eine Bedeutung zukommt, aber diese Anrede gilt. Maria wie uns. Wir, wir erfahren sie in der Taufe. “Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ „Der gute Hirte kennt die Seinen und die Seinen kennen seine Stimme. Niemand wird sie aus seiner Hand reißen.“

Das wird zu uns und über uns gesagt.

Und damit wendet sich Leben endgültig, und Maria kann sich weg von Trauer und Tod, dem Leben wieder zuwenden. Sie erkennt die Mitte, sie erkennt das Wesentliche, sie erkennt ihren Lebensmeister, den Gärtner.

Denn der Gärtner im Garten des Lebens, er ist gleichzeitig die Mitte im Schöpfungsgarten/im Paradiesgarten und er ist ihr Jesus, er ist sozusagen das Herzstück ihres Lebens und des Lebens überhaupt, aber er beziehungsweise dies lässt sich nicht wirklich halten und er lässt sich nicht fassen. Leider. Wie alles im Leben sich nicht halten und fassen lässt, die schönen wie die schweren Momente. Maria muss es lernen, wie wir wohl auch.

Aber die ins Leben rufende Anrede: Dies mit Namen gerufen werden: Dieses „Du bist gemeint. Du bist wichtig. Du bist wertvoll. Dir gehört meine Liebe.  Lebe also“. dies hilft und es wendet Leben und befähigt zum Leben. Ja dieser Ruf enthält sogar den Auftrag, im Namen Jesu weiterzuwirken und diese Lebensbotschaft weiterzugeben: Sein Vater ist unser Vater, sein Gott ist unser Gott, seine Liebe kommt uns zugute: Jesus lebt und wir sollen auch leben. Amen

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